
Ostthüringer Zeitung OTZ Geraer Zeitung vom 03.03.2015, Seite OCTH1
Noch in dieser Woche werden auch in Thüringen die angestellten Lehrer in den Warnstreik treten. Verbeamtete Pädagogen sollen dann mit Mehrarbeit die Betreuung aller Schüler sicherstellen.
Erfurt. Beim Landesverband der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) wurden gestern die entsprechenden Aufrufe für die allgemeinbildenden Schulen und Berufsschulen sowie für Hochschuleinrichtungen verschickt. "Ende der Woche" sollen die angestellten Lehrkräfte in den Warnstreik gehen, sagte GEW-Sprecher Michael Kummer. Angesichts der bereits veröffentlichten Streikaufrufe für andere Regionen in Deutschland dürfte es am Freitag zum Ausstand in Thüringen kommen. Ob der Warnstreik dann nur Stunden oder einen ganzen Tag dauern wird, wollen die Gewerkschaften heute öffentlich mamachen. Kern ihrer Forderungen ist eine bundesweite Lehrkräfte-Entgeltordnung, die für alle Bundesländer eine einheitliche Gehalts-Eingruppierung nach den jeweiligen Tätigkeitsmerkmalen fixieren soll. Bislang gebe es vor allem im Bereich der Grund- und Förderschulen erhebliche Unterschiede, die sich zum Beispiel im Vergleich zwischen Bayern und Brandenburg auf einige hundert Euro im Monat belaufen, erklärte der Sprecher. "Wir wollen, dass für gleiche Arbeit das gleiche Gehalt gezahlt wird - in München wie in Erfurt", so Kummer.
Mit den demnächst auslaufenden unterschiedlichen Tarifen Ost und West im Öffentlichen Dienst steuere man ohnehin auf einen Flächentarifvertrag für die ganze Bundesrepublik zu. Am vergangenen Freitag waren allerdings die Tarifverhandlungen gescheitert. Laut GEW hätten die Länder das einheitliche Lehrer-Entgelt mit einer Absenkung der Altersversorgung verknüpfen wollen. Während etwa in Sachsen, wo fast alle Lehrer angestellt sind, das Kultusministerium bereits zahlreiche Schulschließungen während der Streikzeit angekündigt hat, versichert das Erfurter Bildungsministerium, dass die Betreuung der Schüler in jedem Falle gesichert sei. Nötigenfalls werde es fachfremde Vertretungen oder Stillarbeit unter Aufsicht geben, sagte Ministeriumssprecher Gerd Schwinger. Da in Thüringen rund zwei Drittel der Lehrer verbeamtet sind, würden diese über Mehrarbeit eingesetzt, um streikbedingten Unterrichtsausfall zu verhindern. Zum Tarifstreit selbst wollte das Bildungsministerium nicht Stellung beziehen und verwies an das Finanzressort, das Thüringen in der Tarifgemeinschaft der Länder (TdL) vertritt. Im Haus von Finanzministerin Heike Taubert (SPD) wiederum hieß es, man schließe sich "voll und ganz" dem Statement der TdL an - die sich darin um keinen Millimeter bewegt zeigt was ihre Haltung beim Verhandlungsabbruch betrifft. Man strebe vor allem eine Einigung in der Lohnrunde 2015 an, heißt es in der Mitteilung.
Zur Lehrkräfte-Entgeltordnung habe die TdL ein Angebot vorgelegt, mit dem die unterschiedlichen Verhältnisse in Ost und West aufgegeben würden. Weitergehende Forderungen der Gewerkschaften seien nicht zu finanzieren. Und eine stärkere Beteiligung der Lehrer an ihrer Zusatz-Altersvorsorge sei wegen der gestiegenen Lebenserwartung bei gleichzeitig dauerhaft niedrigen Zinsen "un"unvermeidbar". Auch Marion Rosin ist in der SPD. Aus Sicht der bildungspolitischen Fraktionssprecherin im Landtag macht das Ringen um das Pädagogen-Entgelt eine andere Kluft deutlich - nämlich die "Zweiklassengesellschaft" mit verbeamteten und angestellten Lehrern. Für die künftige Lehrerverbeamtune in Thüringen brauche es eine tragfähige Lösung, unterstrich die Landtagsabgeordnete aus Bechstedt (Landkreis Saalfeld-Rudolstadt). "Die Regierungskoalition sieht gute Chancen, dass eine Rückkehr zur 2008 ausgesetzten Lehrerverbeamtung möglich ist", sagte Rosin mit Verweis auf den Koalitionsvertrag. Bei allem Verständnis für die Forderungen hofft Roul Rommeiß, dass Warnstreiks in den Schulen "mit dem nötigen Augenmaß" und mit gesicherter Betreuung für alle Schüler geführt werden. Schließlich gebe es ohnehin schon zu viel Unterrichtsausfall und auch die anbrechende Prüfungsvorbereitung in der Oberstufe dürfe nicht beeinträchtigt werden, gibt der Landeselternsprecher zu bedenken. "Die Tarifparteien sollten rasch zu einer Lösung finden, damit wieder Ruhe an den Schulen einkehrt", so Rommeiß. Inhaltlich seien die Forderungen nach einheitlicher Eingruppierung absolut berechtigt. "Wir haben doch jetzt schon den Wettbewerb um die besten Köpfe zwischen den Ländern", betont der Eltemsprecher, "allerdings mit finanziell sehr unterschiedlichen Bedingungen". Das sei gerade jungen Pädagogen eigentlich nicht mehr zu vermitteln. Rund 800 000 Lehrer gibt es in Deutschland, 200 000 von ihnen sind keine Beamte, sondern Angestellte. Für die Bundesländer ist es billiger, Lehrer anzustellen als sie zu Verbeamten. Im Osten wurde damit nach der Wiedervereinigung flächendeckend begonnen, der Westen folgte in den letzten Jahren, so in Bremen, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen. Dort ist fast jeder fünfte Lehrer heute kein Beamter mehr. Es geht allerdings auch umgekehrt: Wegen Lehrermangels hat etwa Mecklenburg-Vorpommern 2013 begonnen, Pädagogen den Beamtenstatus zu verleihen. Plakate, die zur pädagogischen Karriere zwischen Müritz und Ostsee einladen, hängen auch in Thüringer Schulen.
Quelle: http://www.otz.de/web/zgt/suche/detail/-/specific/Noch-diese-Woche-werden-auch-in-Thueringen-die-angestellten-Lehrer-streiken-1420411754