Zum x-ten Mal gerät eine Wiederaufarbeitungsanlage für atomaren Müll in die negativen Schlagzeilen. Der schwere Atomunfall in Sellafield macht deutlich, dass die Wiederaufarbeitung abgebrannter Brennelemente eine Schwachstelle in dem weltweiten Geflecht der Atomkraft ist.
Die rot-grüne Koalition hat gut daran getan, diese gefährliche Technologie zu beenden. Am 1. Juli 2005 wird der Transport von abgebrannten Brennelementen aus deutschen Atomkraftwerken in die Wiederaufarbeitungsanlagen im britischen Sellafield und im französischen La Hague beendet. Für immer - wenn die SPD für ihre zukunftsgewandte Energiepolitik die politische Unterstützung der Wählerinnen und Wähler behält.
Was ist passiert in Sellafield? Wir wissen es bis heute nicht genau, obwohl der Stoerfall bereits Mitte April bekannt geworden ist und das Bundesumweltministerium am 9. Mai 2005 die britische Atomaufsicht um Auskunft gebeten hat. Auch das ist typisch für die Atomkraft - lautstark staatlichen Schutz für die eigenen Interessen fordern und sich beim verantwortlichen Umgang mit Gefahren für Mensch und Umwelt als Meister der Zurückhaltung erweisen. Wer trägt denn Verantwortung und wird zur Rechenschaft gezogen? Profite einstreichen ja, aber dann Fehlanzeige bei persönlichen und unternehmerischen Verantwortlichkeiten.
Nach Agenturmeldungen sollen über ein dreiviertel Jahr hinweg unbemerkt mehr als 80 Tonnen einer Flüssigkeit mit einer hochradioaktiven Mischung aus Plutonium, Uran und Spaltprodukten durch ein Leck ausgetreten sein. Anfang Mai war von 20 Tonnen die Rede, jetzt sind es mehr als 80, vielleicht werden es noch mehr?
Auch wenn bisher noch keine akuten Todesfälle und ebenso keine Gefährdungen für die Umwelt bekannt wurden, ein gravierender atomarer Unfall ist es nach Einstufung der Internationalen Atomenergiebehoerde (IAEA) allemal. Der irische Umweltminister Dick Roche fällte deshalb ein vernichtendes Urteil über den Sicherheitszustand der Wiederaufarbeitungsanlage. Erst im Februar war bekannt geworden, dass 30 Kilogramm Plutonium in Sellafield verschwunden waren - genug für mehrere Atombomben. Sellafield ist eine unverantwortbare Skandalanlage, die rasch, sicher und ordentlich geschlossen werden muss.
Aber Sellafield ist nur ein Synonym für die insgesamt unverantwortbare Atomtechnik. Solange Atomkraftwerke betrieben werden, sind weitere "Sellafields" nicht auszuschliessen, ebenso wenig auch weit schwerwiegendere Störfaelle und Super-GAUs. Wer
wie CDU/CSU und FDP eine Renaissance der Atomenergie fordert, handelt unverantwortlich. Er handelt umso mehr unverantwortlich, als für eine solche Renaissance gar nicht genügend Natururan weltweit zur Verfügung steht. Nicht nur Öl ist knapp, auch die Uranvorräte sind begrenzt, es sei denn, man steigt in die besonders gefährliche Plutoniumwirtschaft ein. Etwa im Jahr 2030 müsste zusätzlicher Spaltstoff über die Technologie der schnellen Brüter erzeugt werden. Alle Industrienationen haben jedoch diese Technologie als zu gefährlich beendet.
Dabei geht es nicht nur um Risiken und atomare Katastrophen, sondern auch um Vorsorge vor einem terroristischen oder militärischen Missbrauch nuklearen Spaltmaterials. Seit dem Ende des kalten Krieges sind die Risiken eines solchen Missbrauchs der Atomkraft weltweit nicht geringer geworden, sondern nach Ansicht vieler Fachleute vor dem Hintergrund der neuen Bedrohungslage eher gestiegen. Die Gefahr eines nuklearen Weltkrieges ist nach der Beendigung des kalten Krieges zwar gesunken, dafür hat das Risiko eines regional begrenzten atomaren Waffeneinsatzes zugenommen. Eine echte Trennung zwischen ziviler Nutzung und militärischem oder terroristischem Missbrauch hat es nie gegeben - heute ist sie zur völligen Illusion geworden. Die internationalen Nicht-Verbreitungsregime befinden sich in Auflösung, das Scheitern der Atomkonferenz in New York ist ein deutliches Indiz dafür. Langfristig kann es eine friedliche und nachhaltige Entwicklung weltweit nur ohne Atomkraft geben. Deutschland hat diesen Weg mit dem eingeleiteten Atomausstieg aufgezeigt. Wir Sozialdemokraten wollen diesen Weg weitergehen. Deutschland muss ihn weiter gehen. (Quelle: SPD Bundestagsfraktion)