"Wir werden das sehr genau analysieren. Und die Behauptung der NPD, dass die Veranstaltung in Jena kein Heß-Gedenken sei, werden wir auf den Prüfstand stellen", sagte Oberbürgermeister Dr. Albrecht Schröter am Rande des Geschehens.
Jena. (tlz) Gegen 15 Uhr war der braune Spuk am Samstag vorbei. Die etwa 380 Neonazis trollten sich zu ihren Fahrzeugen. Während ihres Marsches durch die Jenaer Straßen und bei ihren Kundgebungen waren sie weitgehend unter sich geblieben. Dort, auf einer der Zwischenkundgebungen in der Camburger Straße hatte der NPD-Parteivorsitzende Udo Voigt über den Kriegsverbrecher Heß gesprochen, dem die Veranstaltung offenbar, entgegen aller Verlautbarungen, gewidmet war. "Wir werden das sehr genau analysieren. Und die Behauptung der NPD, dass die Veranstaltung in Jena kein Heß-Gedenken sei, werden wir auf den Prüfstand stellen", sagte Oberbürgermeister Dr. Albrecht Schröter am Rande des Geschehens.
Bereits am Morgen hatten sich an die 900 Jenaer auf dem Engelplatz eingefunden, um ihren Unmut darüber kundzutun, dass die NPD laut Beschluss des Geraer Verwaltungsgerichts in Jena marschieren durfte. Die 87-jährige Maria Lusky appellierte an die Teilnehmer der Gegendemonstration: "Wir können nicht zulassen, dass sich wiederholt, was wir Alten durchgemacht haben."
Als sich der Demonstrationszug in Bewegung setzen wollte, blockierte die Polizei den Zug, weil die Demonstration erst für den Nachmittag angemeldet war. "Wir fordern die Polizei auf, den Weg freizugeben", rief Christoph Ellinghaus von der IG Metall. In den letzten Jahren sei es immer möglich gewesen, in Jena zu demonstrieren. Doch Katrin Sander, die Chefin der Polizeiinspektion, verlangte zunächst, dass "der schwarze Block" - einige dunkel gekleidete Jugendliche - aus der ersten Reihe des Demonstrationszuges zurücktreten solle. Und so kamen denn beherzte Jenaer, unter ihnen Oberbürgermeister Dr. Albrecht Schröter, MdB Volker Blumentritt, die Stadträte Marco Schrul, Jens Thomas und Andreas Wiese sowie Alt-Unikanzler Dr. Klaus Kübel, um in der ersten Reihe zu marschieren. Erst dann gab´s Grünes Licht von der Polizei für einen kleinen Rundgang, ohne eine Sicht- oder Hörnähe zur Demonstration der NPD. "Die Versammlungsfreiheit wurde hier faktisch außer Kraft gesetzt. Ich finde es überzogen, dass wir keine Möglichkeit hatten, von den Neonazis gehört zu werden", sagte denn auch Steffen Trostorff, der Versammlungsleiter der Gegendemonstration, die sich nach der kleinen Runde auch auflöste.
Der Marsch der NPD wurde von "Nazis raus!"-Rufen aus den Seitenstraßen heraus begleitet. Am Fuße des Griesbachgartens kamen plötzlich aus einer Gruppe Schwarzgekleideter Steine und Flaschen geflogen - ein Zwischenfall, bei dem die Polizei sofort eingriff. Eine eher symbolische Blockade an der Camburger Straße löste die Polizei auf, indem sie die Beteiligten von der Straße trug.
Aus Sicht der Polizei, die fast 1000 Beamte im Einsatz hatte, verliefen die Demonstrationen "ohne wesentliche Störungen". Am Ende wurde ein NPD-Marschierer vorläufige festgenommen. Auf der Gegenseite wurden 53 Platzverweise ausgesprochen, es gab 20 so genannte Gewahrsamsnahmen und zehn vorläufige Festnahmen.