Gera. Da hellten sich die Gesichter bei den Agaern auf: Mein Interesse ist es, auch kleinere Schulstandorte zu erhalten, bekundete Thüringens Kultusminister Christoph Matschie (SPD) auf einem Forum seiner Partei zum Konzept der Thüringer Gemeinschaftsschule, das er gestern Abend vor 110 Interessierten meist Lehrer, Eltern- und Schülervertreter im Hotel Royal Inn vorstellte. Der Landtagsabgeordnete Wolfgang Lemb und der SPD-Kreisvorstand hatten gemeinsam eingeladen.
Das freudige Aufblitzen in den Augen der Agaer, die über den Weg dieser neuen Schulform ihre Schule erhalten wollen, wurde dann doch etwas fahler, als der stellvertretende Thüringer Ministerpräsident klarstellte: Über Schulstandorte entscheidet nicht der Minister und nicht der Freistaat sondern der Schulträger. Und der heißt Stadt Gera und hat die Schulschließung vorgezeichnet. Ich verstehe jede Schule, die ihren Standort erhalten möchte, beteuerte Matschie. Wichtig ist das Konzept, das vorgelegt wird.
Doch die Eltern wollen partout nicht, dass ihre Sechs- bis Zehnjährigen in den Bus gesetzt und nach Langenberg gefahren werden, wo ein Schulanbau erst noch entstehen muss, damit der Kleinagaer Plattenbau platt gemacht werden kann. Das verdeutlichte Elternsprecher Veit Kola, der unermüdlich für den Schulerhalt kämpft. Vom Einwohnerantrag auf dem Wege der direkten Demokratie im Vorjahr vom Stadtrat abgelehnt bis zur öffentlichkeitswirksamen Übergabe eines Konzept-Entwurfes für eine Gemeinschaftsschule in Kleinaga gestern ziehen er und seine zahlreichen Unterstützer alle Register, um die Schule und damit das gesellschaftliche Zentrum im Dorf zu erhalten.
Fakt ist: Kommt eine Gemeinschaftsschule in Kleinaga oder an einem anderen Standort in Gera, dann wird das Schulnetz aufgedröselt. Denn dann verschiebt sich das Gefüge in der Schullandschaft Rot-Rot-Grün in der Zwickmühle: Da sie für längeres gemeinsames Lernen plädieren, scheint vorprogrammiert, dass das Paket aus Schulnetz und Schulbauprogramm aufgeschnürt wird. Ausgerechnet der schwarze Geraer Norden dekliniert dieses Modell durch.
Ob das Schulbauprogramm zu halten sein wird, erscheint ohnehin fraglich. Diesmal nicht aus kommunaler Befindlichkeit, sondern aus dem Blickwinkel der Praktiker. Denn die Investitionen folgen zwangsläufig der Thüringer Schulbaurichtlinie und die ist längst weltfremd, wie Michael Kosse, Schulleiter in Debschwitz, zu verstehen gibt. Sie muss eingestampft werden. Denn sie richtet sich danach, dass ein Klassenraum eine Tafel braucht, dicht, warm und trocken sein muss, kritisiert der Rektor.
An der Integrierten Gesamtschule in Lusan sieht man mit der neuen Thüringer Gemeinschaftsschule Konkurrenz aufziehen und sich erprobterweise als die bessere Gemeinschaftsschule. Der Haken: An der Gesamtschule gibts erst nach 13 Schuljahren das Abitur, an der Gemeinschaftsschule schon nach zwölf. Womöglich ein Wettbewerbsfaktor im Kampf um Schülerneuzugänge.
Ralf Zöller, stellv. Direktor eines Altenburger Gymnasiums, sorgt sich, ob die Schüler, die nach der achten Klasse von der Gemeinschaftsschule aufs Gymnasium wechseln, in gleichem Maße leistungsfähig sind wie die Mädchen und Jungen, die bereits seit der fünften Klasse an die Anforderungen einer solchen Bildungseinrichtung gewöhnt sind. Matschie glaubt, dass es da keine Bedenken geben muss. Nötig seien Fortbildungsangebote, Zeit und eine Anschubfinanzierung für die Gemeinschaftsschule. An der sollen nicht nur Lehrer, sondern auch Erzieher, Sozialpädagogen und Schulpsychologen eingesetzt werden eine Ankündigung Matschies, die den Beifall der Zuhörerschaft fand.
Nach dieser Auftaktveranstaltung will die Geraer SPD die Diskussion mit interessierten Bürgern zur Gemeinschaftsschule fortsetzen. Kreisvorsitzender Ramon Miller kündigte an, eine Arbeitsgruppe zu gründen, in der die örtlichen Belange erörtert werden könnten. Oberbürgermeister Dr. Norbert Vornehm (SPD) erinnerte daran, dass die Stadt Gera mit dem Schulbauprogramm sich das Ziel gesetzt habe, in vier, fünf Jahren für alle Schülerinnen und Schüler an Geras allgemeinbildenden Schulen zeitgemäße Bedingungen zu schaffen. Er dankte dem Freistaat für Unterstützung. Schulsanierung ist Sache des Trägers. machte der Minister die Verantwortung der Stadt Gera klar.
Quelle: OTZ Lokalteil Gera