
Der Stellvertretende Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses Hans-Ulrich Klose (SPD) über Mentalitäten, den Mauerfall, den Irak-Krieg und die Politikverdrossenheit

Der Stellvertretende Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses Hans-Ulrich Klose (SPD) über Mentalitäten, den Mauerfall, den Irak-Krieg und die Politikverdrossenheit
Wie kam es dazu, dass Sie in diesem Wintersemester an der Friedrich-Schiller-Universität eine Vorlesungsreihe über Krisen und Konflikte / Deutsche Außen- und Sicherheitspolitik hielten und hätten Sie mit so einer hohen Resonanz gerechnet?
Letztes Jahr war ich als Festredner zum ?Tag der Politikwissenschaft? eingeladen, an dem die Examenspreise für herausragende wissenschaftliche Abschluss- und Doktorarbeiten vergeben wurden. Anschließend kam der Rektor der FSU, Herr Dicke, auf mich zu und fragte an, ob ich mir vorstellen könnte, eine Vorlesungsreihe zu machen. Ich habe dann eine Weile überlegt, meine Frau, meine Kinder und Mitarbeiter gefragt, und die sagten alle ?Mach mal?. Zuvor hatte ich mit meiner Frau eine Art Bildungsreihe durch Thüringen und Sachsen-Anhalt unternommen, und Jena hatte uns gut gefallen. Ich habe also ja gesagt. Ich war sehr überrascht über die hohe Resonanz, vor allem weil sie während des ganzen Wintersemesters so beständig blieb.
Von der 11. zur 12. Klasse wurde ihre Schulzeit von einem einjährigen Aufenthalt an der Highschool in Clinton/Iowa in den USA unterbrochen. Inwiefern hat es Sie dieses Jahr nachhaltig beeinflusst und was haben Sie gelernt?
1954 habe ich in dieser kleinen Stadt im mittleren Westen meinen amerikanischen High-School-Abschluss gemacht. Zum einen kann ich seither sehr gut Englisch und zum anderen habe ich ein gutes Gefühl für die amerikanische Mentalität gewonnen. Vor Ort bekommt man einfach mit, wie die Amerikaner ticken ? sie sind anders als wir. Außerdem lernt man in einem fremden Land auch etwas über sein eigenes Land, denn die Mitschüler fragten mich natürlich, wie es bei mir in Deutschland sei. Oftmals kamen Fragen, die ich gar nicht beantworten konnte. So beispielsweise, wie man in Deutschland auf die abstruse Idee gekommen ist, damals neun Jahre Latein zu lernen.
Seit März 1983 Jahren sind Sie ein Kontinuum im Deutschen Bundestag. Welche Legislaturperiode empfinden Sie als die bis dato politisch spannendste?
Die spannendste Periode war die, als plötzlich die Mauer geöffnet wurde, das war ungeheuerlich. Wir haben das alle erst gar nicht geglaubt. Es war spannend, wie dieser Umstand im Bundestag aufgenommen wurde, aber noch viel spannender als ich dann unmittelbar danach nach Hamburg fuhr. Die Straßen waren vollgeparkt mit Trabis und Wartburg-Autos und die Menschen gingen durch die Stadt, durch die Galerien und Kaufhäuser, was irgendwie erschütternd war. Es tat weh, es tat richtig weh. Die Leute gingen da durch und ihnen eröffnete sich eine neue Welt. Das war das wirklich Spannende.
Der Auswärtige Ausschuss ist einer der größten und angesehensten Ausschüsse des Deutschen Bundestages überhaupt, der sogar verfassungsrechtlich verankert ist. 1998 bis 2002 waren Sie Vorsitzender und seit November 2005 stellvertretender Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses. Empfehlungen des Ausschusses hat das Plenum bisher nicht widersprochen. Was war die für Sie kritischste Empfehlung, der Sie beiwohnten?
Die schwierigsten Entscheidungen sind bis zum heutigen Tage immer die, bei denen wir über Konflikte reden und Soldaten in die entsprechenden Regionen schicken. Es gibt nie eine Entscheidung, bei der man sagen kann, dass es die einzig richtige sei. Ich entscheide immer 51 % zu 49 %. Dabei denke ich auch an meine Kinder, und überlege mir immer, es könnte auch meine Söhne treffen.
Seit 2002 sind Sie auch stellvertretender Vorsitzender und Vorsitzender der Parlamentariergruppe USA. Was sind ihre Hauptaufgaben in diesem Bereich?
In Amerika gibt es seit 20 Jahren die Congressional Studygroup on Germany, und parallel dazu gibt es im Bundestag die deutsch-amerikanische Parlamentariergruppe. Beide Treffen sich jedes Jahr für eine Woche, und zwar einmal in Amerika und einmal in Deutschland. Diese Treffen vorzubereiten und zu organisieren ist eine meiner Haupttätigkeiten. Zudem liegt mein Schwerpunkt darauf, amerikanischen Besuchern oder Professoren vom Kongress in ihrer Muttersprache zu erklären, was momentan in Europa und in Deutschland los ist.
Wie beurteilen Sie den Irak-Krieg und glauben Sie, dass die Amerikaner das Ruder noch reißen können?
Ich glaube, der Krieg an sich war keine kluge Entscheidung. Wenn man solch einen Krieg schon führt, dann hätte man ihn richtig führen müssen. Das heißt, man hätte sich an die alte Faustregel halten müssen, dass man bei der Befriedung eines Landes etwa 20 Soldaten auf 1.000 Bewohner braucht. Das hätte für den Irak bedeutet, mindestens 350.000 Mann hinzuschicken. Mit einer geringeren Zahl ist solch ein Krieg kaum zu gewinnen, das war der Fehler von Anfang an. Dann hat man einen weiteren Fehler gemacht, indem die irakische Armee aufgelöst wurde, womit man ein Machtvakuum entstehen ließ. Zusätzlich wurden die Polizei und der Sicherheitsdienst aufgelöst. Es war somit nichts mehr da. Man braucht aber, wenn man einen Krieg führt, nicht nur einen Gewinner, man braucht auch einen Verlierer, der eingesteht ?Ich habe verloren? und somit Verantwortung übernimmt. Das fand aber nicht statt. Jetzt haben die Amerikaner sprichwörtlich ?alles am Hals? und waren auf diese Lage nicht vorbereitet. Heute bekommen sie das nicht mehr in den Griff. Ich glaube, es ist realistisch, auf etwas längere Frist gesehen, die Truppen im Lande auf 3-4 Standorte zurückzuziehen, um zu verhindern, dass Mächte von außerhalb sich einmischen, was allerdings auch bedeutet, das Land den Irakern zu überlassen. Dies würde dazu führen, dass es eine Art begrenzten Bürgerkrieg geben wird, den wir allerdings in Wahrheit schon haben. Nur im Augenblick sind die Amerikaner nicht die Lösung des Problems, sondern sie sind Teil des Problems.
Glauben Sie, dass sich mit einem neuen Präsidenten oder gar einer neuen Präsidentin die Lage der Amerikaner sowohl innen- als auch außenpolitisch ändern kann?
Zunächst muss ich zugeben: ich bin beeindruckt von Barack Obama. Ich finde, er ist ein neues Gesicht und im Gegensatz zu Hillary Clinton unbelastet. Kennedy war auch nicht älter als Obama. Dazu ist er noch ein Halb-Afrikaner. Ich glaube, nur so einer hat die Chance, einen neuen Start zu wagen. Er könnte den enormen Glaubwürdigkeitsverlust, den die Amerikaner verzeichnen, vielleicht auffangen. Hillary Clinton dagegen, fürchte ich, wird Amerika eher spalten und nicht versöhnen.
Wie erklären Sie sich die überwiegend bei Jugendlichen herrschende Politikverdrossenheit und wie kann man diese für Politik interessieren und gerade das Vertrauen Jugendlicher zurückgewinnen, die anfällig sind für rechtes Gedankengut?
Also ich für meinen Teil nehme, wenn es zeitlich eben geht, jeden Termin in Schulen oder in Universitäten an, egal wo. Das ist nicht der große Wurf, aber es ist eine wichtige Arbeit, das mache ich ganz grundsätzlich. Das ist auch einer der Gründe, warum ich hier in Jena war, auch wenn es mich von meiner Arbeit in Berlin abhält, denn vielleicht sind hier fünf oder sechs Leute, die sich entscheiden, selbst aktiv zu werden und in die Politik zu gehen. Im Übrigen verweise ich auf die Antwort meines jüngeren Sohnes, der sagt: Politikverdrossenheit ist nicht dein Problem, sondern meins. Wenn ich verdrossen bin und mich nicht beteilige, habe ich auch nicht in der Hand, wie sich dieser Staat und die Demokratie entwickelt. Deshalb braucht man mir auch keine künstlichen Angebote zu machen, da muss ich mich schon selbst drum kümmen und zwar aus meinem eigenen Interesse heraus. Das ist die richtige Einstellung.
Was sollten Abiturienten für ein Studium der Politikwissenschaft auf jeden Fall mitbringen?
Das Wichtigste ist, dass sie neben dem Interesse für Politikwissenschaft, geographische Kenntnisse mitbringen bzw. vertiefen. Gerade für die Außenpolitik ist das unabdingbar. Weiterhin wichtig ist Geschichte oder noch genauer Kulturgeschichte, da Kenntnisse über Mentalitäten ein ganz ungeheuer wichtiger Punkt ist. Das Dritte sind Sprachen. Wir haben zu wenige Leute die etwas von Indien oder Zentralasien verstehen oder die Arabisch können. Ich hatte hier in Jena vorgeschlagen, meine Vorlesungen in Englisch abzuhalten, aber das wollten leider die wenigsten. Also, die drei genannten Punkte sind, glaube ich, mindestens so wichtig wie das Hauptfach.
Wann wussten Sie, dass sie den Weg in die Außenpolitik einschlagen wollten und was ist das für sie Schönste an ihrer Arbeit als Politiker?
Als Hamburger Bürgermeister fing der Bezug zur Außenpolitik bereits an. Man ist Lokal- und Landespolitiker und über den Bundesrat nimmt man automatisch an der Bundespolitik teil und gelangt in internationale Gefilde. Das ist gar nicht zu vermeiden. Zunächst war ich im Entwicklungsausschuss und ging dann in den Auswärtigen Ausschuss. Das Reisen intensivierte sich dadurch. Ich kenne Latein- und Nordamerika sowie den mittleren Osten, Kanada und China allerdings nicht gut genug. Das Schönste an meiner Tätigkeit ist es, zu lernen, die Welt mit den Augen der anderen zu sehen.
Wie beurteilen Sie die momentanen Entwicklungen im Fall Kurnaz?
Wenn zutreffen sollte, was in den seriösen Zeitungen steht, so ist das ein Problem. Ich bin nicht Mitglied im verantwortlichen Ausschuss, ich weiß nicht, ob es ein amerikanisches Angebot gab. Was außerdem Herr Kurnaz wirklich in Pakistan wollte, ist zudem schwer zu definieren. Er sagt, er wollte nur religiöse Bereicherung, aber fährt man dann dafür nicht lieber nach Ägypten, nach Saudi-Arabien oder in den Iran? Man muss am Ende alle Aspekte abwägen, die Angst vor Terrorismusgefahr und ob er wirklich gänzlich unschuldig in Gefangenschaft war. Erst dann kann man urteilen.
Das Gespräch führte Mathilde Schäfer (21)
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