Es mutet an wie ein Blick in eine versunkene Welt, wenn man auf die Gründung unseres Vereins vor 25 Jahren schaut. Es gab noch kein Internet, keine E-Mails, keine Mobiltelefone und keine Digitalfotos. Damals wurden Kopien im Ormig-Verfahren hergestellt, es dominierten noch die Schreibmaschinen und Telefaxe waren der neueste Schrei. Die meisten Fotos glänzten noch schwarz-weiß und wer einen Computer mit Megabitchip und Nadeldrucker besaß, gehörte zu den Trendsettern.
Freilich, diese technischen Fragen spielten damals nur eine untergeordnete Rolle. Kein Wunder, denn das Jahr 1990 markierte einen tiefen gesellschaftlichen Umbruch. Die friedliche Revolution hatte gesiegt, die Mauer war gefallen, der Osten Deutschlands zu einer Demokratie geworden. Die D-Mark wurde eingeführt, der Beitritt zur Bundesrepublik vollzogen. Fünf neue Länder entstanden, darunter Thüringen. Hinter all diesen historischen Großereignissen verbargen sich tiefe Umbrüche im persönlichen Leben von Millionen Menschen. Das Jahr 1990 markierte hier einen Übergang von der Euphorie der Revolution und des Mauerfalls hin zum Boden der Tatsachen. Man erhielt eine Ahnung davon, dass der deutsche Vereinigungsprozess nicht problemlos verlaufen werde.
In dieser Situation versammelten sich im November 1990 rund 20 Enthusiasten in Erfurt und gründeten einen Verein. Das war damals gewissermaßen Volkssport. Nach den Einschränkungen zu DDR-Zeiten wurde die neue Vereinigungsfreiheit gründlich ausgekostet. Kaum ein Tag verging, ohne dass es einen neuen „e.V." gegeben hätte. In unserem Falle lautete der Name „Kinder und Jugendliche in Not". Er war Programm. Die Vereinsgründer kamen aus der Kinder- und Jugendhilfe der DDR, sie kannten ihre Mängel, ihre Begrenzungen, aber auch die kreativen Ansätze, die es trotz aller Regulierung und Gängelung gab. Ein Gedanke einte sie: Dass nun die Gelegenheit bestand, diesen Bereich zukunftsträchtig zu gestalten. Dazu brauchte es eine Plattform, eine Arbeitsebene – und diese entstand durch den neuen Verein. Sehr schnell wurden Projekte angeschoben, Einrichtungen eröffnet. Es ist atemberaubend zu sehen, wie schnell sich damals Ziele in Wirklichkeit verwandelten. Es war eine offene Zeit, der Rahmen noch nicht so starr wie heute. Die Verwaltung befand sich erst im Aufbau, viele vom Westen übernommene Gesetze waren noch unbekannt. Gleichzeitig existierte ein sehr hoher Handlungsdruck, mussten die Dinge entschieden werden. Hemdsärmeligkeit war gefragt.
Um diese Herausforderungen zu meistern, brauchte es einen gewaltigen Antrieb. Für die Gründer unseres Vereins ist er klar auszumachen: Es war die Leidenschaft für ihren Beruf, für die Kinder und Jugendlichen, für die Menschen in unserer Stadt. Die neue Offenheit regte ihre Kreativität an, ließ neue Ideen wachsen, eröffnete spannende Perspektiven. Die große Chance, etwas Neues zu schaffen, neue Wege zu beschreiten, wurde von unseren Vereinsgründern konsequent genutzt. Das ist ihr bleibendes Verdienst.
Interessant ist, dass dieser Antrieb, dass diese Leidenschaft bis heute bestehen geblieben ist. Andere Vereine mögen irgendwann in einen Verwaltungsmodus umgeschaltet haben, der in erwartbaren Grenzen Sachverhalte löst. Das war bei uns nie so. Es gab ständig etwas Neues. Ständig wurde Althergebrachtes in Frage gestellt. Ständig gab es neue Ideen, neue Projekte, neue Herausforderungen. Bald schon erweiterte sich auch das Themenfeld: Nicht mehr nur für Kinder und Jugendliche, auch für Senioren, Familien, Migranten, Arbeitsuchende waren wir da. Folgerichtig wandelte sich der Vereinsname 2003 zu „MitMenschen e.V." – zweifellos ein wichtiger Schritt, aber auch lediglich eine Zwischenstation. Nach dem Motto „Nur wer sich ändert, bleibt sich treu" gab es immer wieder neue Projekte und Aktionen. Wir stehen im Jahr 2015 und wissen angesichts der Flüchtlingsthematik: Das ist bis zum heutigen Tag so.
Von dieser Dynamik, so kann man ohne Übertreibung feststellen, haben die Menschen in unserer Stadt profitiert. Unter aktiver Beteiligung unseres Vereins entstanden Projekte und Strukturen, die für andere zum Vorbild gerieten. Unser Verein war und ist bei vielen Themen Trendsetter, Stichwortgeber, Pionier. Das ist nicht einfach. Es erzeugt zuweilen Ärger. Und wo sich Menschen mit Leidenschaft engagieren, da werden auch Leiden geschaffen. Unsere Vereinsgeschichte ist reich an Beispielen dafür. Der Weg in 25 Jahren war alles andere als geradlinig. Es ging oft hin und her, manchmal hoch her, aber, und das ist das Entscheidende, immer vorwärts.
Klar, wer eine ruhige, bequeme Aufgabe sucht, der wird woanders eher fündig. In unserem Verein ist Mitdenken gefragt, Mittun. Das Engagement mit Leidenschaft ist jedoch nicht aufgesetzt, keine Anordnung von oben, die murrend befolgt wird. Vielmehr wirkt dieser Vereinsspirit ansteckend, er beflügelt uns gegenseitig, er hebt die vorhandene Kreativität. Oft sind wir uns nicht bewusst, welchen Schatz wir da unser Eigen nennen. Es ist die Basis für weitere erfolgreiche Jahre, für weitere erfolgreiche Projekte für die Menschen in unserer Stadt.
In 25 Jahren werden wir genauso auf das Jahr 2015 zurückblicken, wie wir es heute mit dem Jahr 1990 tun. Vielleicht wird uns die Gegenwart dann ebenfalls wie eine versunkene Welt anmuten. Aber eines ist sicher: Auch dann wird es Herausforderungen geben, die nur zu meistern sind, wenn es engagierte Leute mit Leidenschaft gibt, die sich für ihre Mitmenschen einsetzen. Insofern wäre es ein Glücksfall für unsere Stadt, wenn es dann auch noch unseren Verein gäbe, der eine Plattform für ein solches Engagement bietet.