Foto: Heiko Matz 20 Jahre Mauerfall
"Ich war dabei, durfte mitgestalten"
Günter Pohl - Gründungsmitglied der SPD in der Region - war ein Mann der ersten Stunde
Von Ute Weilbach
Leimbach - Als am 9. November 1989 ein Gast der lustigen Skatrunde im Thüringer Hof in Hildburghausen rief "Die Grenze ist offen", war die einhellige Reaktion der Kartenspieler: "Und du bist aber ganz schön besoffen", erinnert sich Günter Pohl noch 20 Jahre später lachend. Traditionell spielte er damals am Donnerstagabend in seinem Heimatort Hildburghausen Skat.
"Wir konnten das in diesem Moment gar nicht realisieren, was da geschehen war." Auch am nächsten Tag, als er sich von Hildburghausen nach Bad Salzungen auf den Heimweg machte und praktisch gegen den Strom fuhr, denn die Hildburghäuser fuhren über Eisfeld nach Coburg, war ihm die Tragweite der Ereignisse noch nicht bewusst. Selbst machte sich Günter Pohl erst nach dem Totensonntag auf den Weg gen Westen. Sein erstes Ziel war Bad Hersfeld.
Nein, erwartet habe er den Mauerfall nicht. Da vertraue er mehr auf sein Lebensmotto: "Was die Zukunft bringt, weiß ich nicht, und denen, die es zu wissen glauben, glaube ich nicht. Mein Optimismus bezieht sich nur auf das, was man von der Vergangenheit und der Gegenwart lernen kann und das ist, dass vieles möglich war und möglich ist."
Seit vielen Jahren verbringt Günter Pohl den Tag der Deutschen Einheit auf Point Alpha. "Und immer, wenn ich dort sitze, beginnt meine Zeitreise, kommen die Erinnerungen, sehe ich die Bilder, wie alles begann."
Noch deutlich spürt er diese Unsicherheit, mit der er im Sommer 1989 einen Aufruf des Neuen Forums unterzeichnete. Da war schon eine ganze Portion Ängstlichkeit dabei, denn niemand wusste damals, wie es ausgeht.
Heute fragt er sich manchmal, was geworden wäre, wenn die evangelische Kirche ihre Tore nicht geöffnet hätte. Auch damals gab es Leute, die auf Krawall aus waren, die die Kasernen stürmen wollten. Zum Glück hätten die vernünftigen Kräfte gesiegt.
1990 ging es Schlag auf Schlag. Pohl erinnert sich an die Runden Tische, das neue Forum, die Gründung der SDP am 7. Oktober in Schwante.
"Ich war bis zu meinem 51. Lebensjahr politisch nicht aktiv." Er war zwar politisch interessiert, ihn faszinierten solche Persönlichkeiten wie Willy Brandt, Helmut Schmidt oder wegen seiner Klarheit auch Franz-Josef Strauß. Doch in die Politik hatte es ihn bis dahin nicht gezogen.
1953 wurde er als Handwerkersohn nicht zum Abitur zugelassen. Er schaffte es dann auf Umwegen. Er erlernte den Beruf des Industriemachers im Uhrenwerk in Ruhla. Danach gehörte er der Arbeiterklasse an und der Weg über die Arbeiter-und-Bauern-Fakultät zum Studium war geebnet. Mit seinem Abschluss als Diplomhandelslehrer ging für ihn ein Traum in Erfüllung und Pohl war eigentlich fest davon überzeugt, dass er diese Tätigkeit bis zur Rente ausüben werde.
Deshalb war für ihn Anfang der 90er Jahre eigentlich klar, "politisch engagiere ich mich ehrenamtlich". Denn er hatte plötzlich Lust - diese neue Gesellschaft mitzugestalten.
Er war einer der Mitbegründer der SDP im Altkreis Bad Salzungen. Am 20. Dezember 1990 gründete sich die Kreisorganisation der SDP. Sprecher waren damals neben Günter Pohl Rudolf Sieberg aus Tiefenort und Ulrich Weldner aus Barchfeld. Noch genau erinnert sich Pohl an die vielen Informationsveranstaltungen im Kreis. Die Resonanz war damals riesig. Aber die SDP war eine Neugründung. Es gab keine Strukturen, keine Büros, keine Parteigelder, noch nicht einmal Mitgliedsausweise. Interessenten trugen sich einfach in Listen ein. Alles lief über Kontaktadressen.
Bereits im Januar 1991 gründete sich der SDP-Ortsverein Bad Salzungen. Hier war neben Günter Pohl Dieter Kühn Ansprechpartner. Im Januar wurde dann aus der SDP die SPD. Auf dieser Delegierten-Konferenz lernte Günter Pohl als ehrenamtlicher Kreisvorsitzender Leute kennen, die er bisher nur aus dem Fernsehen kannte. Er erinnert sich noch genau an die Begegnungen mit Walter Momper, Egon Bahr, Jochen Vogel und Johannes Rau.
Als er Jochen Vogel bei der ersten Begegnung mit Sie ansprach, antwortete er ihm damals: "Junger Freund, wir sind Genossen und sagen Du". "Aber mit dem Begriff Genossen hatten wir aus dem Osten eben so unsere Probleme. Die SED hatte einfach zu tiefe Spuren hinterlassen. Es dauerte noch Jahre, bis wir uns an die Anrede ,liebe Genossen' gewöhnt hatten."
1989/1990 - das war eine spannende Zeit. Die Tage vergingen wie im Flug. Zum Schlafen blieb wenig Zeit. Raus aus der Schule, rein in die Politik. "Für uns war das Ehrenamt. Weder Ulrich Weldner noch ich wollten in der Politik Karriere machen, wir wollten eigentlich Lehrer bleiben."
Doch die Ereignisse überschlugen sich. Am 16. Februar 1990 bestimmte der SPD-Kreisverband Günter Pohl als Spitzenkandidaten für die Kommunalwahl. Unterstützt wurde er von Carmen Schneider, Dieter Kühn und Ulrich Weldner.
Nach der Wahl mussten die Dezernate im Landratsamt besetzt werden und Günter Pohl wurde "einbestellt". So hieß das damals. Lange Bedenkzeit blieb nicht. Fast über Nacht wurde aus dem Diplomhandelslehrer der Leiter des Amtes für Rechtssicherheit und Ordnungsverwaltung. "Keine einfache Aufgabe, denn wir mussten die Polizei, den Brand- und Katastrophenschutz aufbauen. Im damaligen Volkspolizeikreisamt fanden wir zum Beispiel fast nur leere Kaderakten vor."
Der größte Teil der Polizisten wurde übernommen, und das habe sich auch bewährt. Genau hat Pohl noch das Bild vor Augen, als er das erste Lager der Zivilverteidigung auflösen musste. Die Bestände an Stiefeln oder Verbandsmaterial wurden verteilt, manches verkauft - und manches auch gestohlen. Aber es gab auch viel Spaß. "Eines Tages standen drei Wanderprostituierte vor mir: Ich wusste überhaupt nicht, was ich mit denen anfangen sollte."
Kaum hatte er sich im Landratsamt ein wenig eingearbeitet, stand im Herbst 1990 die Landtagswahl an. Er erinnert sich noch genau an den Satz von Ulrich Weldner: "Kannst du ja machen." Pohl wurde gewählt und saß dann am ersten Tag fast wider Willen in Erfurt. "Ich wusste noch nicht einmal, was ich verdiene, aber ich wollte mitgestalten. Aber dann waren es doch 3000 Mark, damals für uns sehr viel Geld." Er hatte für die Zukunft vorgebaut. Er hatte mit dem damaligen Landrat Achim Storz verhandelt, dass er im Falle, dass er 1994 nicht wiedergewählt werde, zurück ins Landratsamt konnte. Eine Sicherheit, die viele damals nicht hatten. Doch dazu kam es nicht. Bis 2004 war Günter Pohl Mitglied des Landtages. Seine letzte Rede war im Frühjahr 2004 zum Thüringer Bestattungsgesetz.
Am spannendsten waren die Anfangsjahre. Die Kommunalverfassung, das Thüringer Kommunalabgabengesetz, das Polizeiorganisations- und Polizeiaufgabengesetz mussten beschlossen werden. Heiße Debatten gab es zur Gemeinde- und Kreisgebietsreform. Aber auch solche Dinge wie das Spielbankgesetz standen an. "Mit Willibald Böck fuhr ich damals nach Mainz, um eine Spielbank mal von innen zu sehen."
Heute, wenn sich der 71-Jährige langsam aus der Politik zurückzieht, sagt er rückblickend: "Ich bin stolz und dankbar, dass ich in diesen Aufbruchjahren dabei sein und sie mitgestalten durfte." Er hat den Übergang geschafft. Die politische Hauptverantwortung hat er in andere Hände gelegt. Das ist ihm nicht leichtgefallen. Er weiß bis heute eigentlich nicht, was schwerer war, anzufangen oder aufzuhören. Doch nach dem Motto "Jeder Tag ist ein Geschenk" gestaltet er heute seinen Alltag. Er engagiert sich bei den Rotariern und im Rhönklub-Zweigverein Bad Salzungen, bestreitet die Tage sportlich aktiv, geht wandern oder fährt Rad. Und er ergreift jede Gelegenheit, um die Welt noch besser kennenzulernen, denn in der Enge der DDR eingesperrt war Günter Pohl lange genug.