Referenten vom BUND und aus dem Wirtschaftsministerium
Eine „historische Situation“ konnten die Gäste des Landtagsabgeordneten Wolfgang Lemb (SPD) gestern Abend in der Reihe „Lemb im Gespräch“ nach den Worten von Dr. Martin Gude, dem Abteilungsleiter Energiepolitik, Technologie- und Forschungsförderung im Thüringer Wirtschaftsministerium, erleben. Erstmals seien die Positionen der Thüringer Umweltverbände und des Wirtschaftsministeriums im Freistaat bei einem Thema so dicht beieinander. Gemeint mit dieser Aussage waren die Notwendigkeit des Ausbaus der Erneuerbaren Energien und die zeitgleiche Abkehr von der Kernenergie und Kohlekraftwerken.
Dazu führte Dr. Gude vor allem wirtschaftliche Argumente an. So muss Deutschland trotz milliardenschwerer Subventionen bei dem Steinkohleabbau ganze 77% der verwendeten Steinkohle importieren. Beim Öl liegt die Abhängigkeit sogar bei 98%.
Im Gegensatz dazu gibt es Sonne, Wind und Erdwärme in unerschöpflichen Maße kostenlos. „Dass die Energie zu 100% regenerativ wird, ist also kein Problem der Verfügbarkeit sondern nur eine technische Herausforderung.“, meint der energiepolitische Leiter Dr. Gude und führte als Beispiel an: „In Deutschland reicht uns allein die Einstrahlmenge der Sonne, dass wir 30% des weltweiten Energiebedarfs decken könnten.“ Weiter sieht er in den Erneuerbaren Energien unzählige neue Arbeitsplätze.
Wie die deutschen Verantwortlichen mit den Gefahren der Atomkraft umgehen, zeigte Dr. Burkhard Vogel, Geschäftsführer des BUND Thüringen, auf. Nach Tschernobyl hörte man, dass ein solches Unglück unmöglich in Deutschland geschehen könnte, da unserer AKWs fortschrittlicher seien. Nach Fukushima hört man nun, dass es diesmal in Deutschland unmöglich sei, weil es hier keine so starken Erdbeben gäbe, wie in Japan.
Dass aber auch die Atomkraftwerke in Europa alles andere als sicher sind, zeigt sich in den über 4000 meldepflichtigen Störfällen der letzten Jahre. Unter anderem stand das schwedische AKW Forsmark nur fünf bis sieben Minuten vor einer Kernschmelze, nachdem im Jahre 2006 die externen Kühlpumpen aufgrund eines technischen Defekts ausfielen.
Nach Berechnungen des BUND besteht allein in Thüringen ein Energiesparpotenzial von 50%, welches die Umweltschutzorganisation mit Hilfe eines Energieeinspargesetzes in allen öffentlichen Einrichtungen umsetzen möchte.
Zudem fordert der BUND, dass alle Stadtwerke nach dem Vorbild von Jena und Pößneck auf Atomstrom verzichten und zusätzlich, dass 1% der landeseigenen Gebiete in Thüringen Vorrangflächen für Windkraftanlagen werden.
Für Privatleute soll eine „Abwrackprämie für Energiefresser“ und Energieberatung für einkommensschwache Haushalte die energetischen Einsparmöglichkeiten optimieren.
Technisch notwendig sieht Dr. Vogel den Ausbau der dezentralen Kraft-Wärme-Kopplung und eine höhere Forschungsförderung für Formen der Stromspeicherung.
Am Ende wollte der Gastgeber und wirtschaftspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion Wolfgang Lemb noch eine Schätzung, wann denn das letzte AWK theoretisch vom Netz gehen könnte.
Dr. Gude bezog sich auf die damalige Rot-Grüne Bundesregierung, die ein Szenario bis Anfang der zwanziger Jahre unseres Jahrhunderts erarbeitet hatte. Der Fortschritt bei den Energien gehe derzeit aber viel schneller, so dass ein kompletter Ausstieg schon zwischen 2017 – 2019 möglich sein könnte.
Lemb bot am Ende der Veranstaltung den regional ansässigen Unternehmen seine Hilfe bei Einsetzung eines Energiemanagers an. Ein Energiemanager soll Einsparmöglichkeiten sowie Energieeffizienzmaßnahmen in den Unternehmen aufdecken. Damit können die Unternehmen einen Beitrag zur Einsparung von Energien und somit von Kosten leisten.
Lemb rief darüber hinaus die Bevölkerung auf zu Ökostromanbietern zu wechseln und sich am nächsten bundesweiten Aktionstag gegen Atomkraft und für erneuerbare Energien am 28. Mai zu beteiligen.