Cristoph Matschie und Albrecht Schröter, Foto Lutz Prager Interview zu 25 Jahre Mauerfall von Lutz Prager (OTZ) mit Christoph Matschie und Dr. Albrecht Schröter.
Einen Tag nach dem Mauerfall gründete sich am 10. November in Jena die SDP, aus der später die SPD entstand.
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Unsere Gesprächspartner: Christoph Matschie (links), Mitgründer der Jenaer SDP, Mitglied am Zentralen Runden Tisch der DDR für die SDP, späterer Bundestagsabgeordneter, Landtagsmitglied, SPD-Landesvorsitzender und Kultusminister in Thüringen . Jenas Oberbürgermeister Albrecht Schröter, seit Oktober 1990 Mitglied der SPD, jetzt stellvertretender Landesvorsitzender. Foto: Lutz Prager
Herr Matschie, am 10. November 1989 gehörten Sie in Jena zu den Mitgründern der Sozialdemokratischen Partei, der SDP, wie sie damals in der DDR noch hieß. War das Datum einen Tag nach dem Mauerfall Zufall oder hatte es was mit der Öffnung der Grenzen zu tun?
Christoph Matschie: Die Ereignisse des 9. November haben wir natürlich nicht vorausgesehen. Aber indirekt hatte die Gründung schon etwas damit zu tun. Das eine war die Freiheit, in den Westen zu fahren, die plötzlich da war. Das andere die Frage, die auch für mich stand, was passiert eigentlich nach dem Mauerfall? Protest ist die eine Sache, aber wie geht es danach weiter? Wer übernimmt Verantwortung? Nach der Gründung der SDP für die DDR, die am 7. Oktober in Schwante bei Berlin erfolgt war, wollten wir auch in Jena Strukturen schaffen, um politisch arbeiten zu können. Gewählt wurde am 10. November ein Sprecherrat des SDP-Ortsverbandes Jena. Das erste Büro befand sich in der Wohnung von Joachim Hoffmann im Hinterhaus der Dornburger Straße 8. Die Gründung selbst erfolgte im Niemöller-Haus der evangelischen Kirchgemeinde, im Beisein von rund 150 Teilnehmern. Anekdote am Rande: Ich selbst habe vom Fall der Mauer erst am 10. November erfahren. Ich war in Vorbereitung der Gründungsveranstaltung in der Nacht vom 9. zum 10. November so in Gespräche und Arbeit vertieft, dass ich dieses Ereignis verpasste. Es ist überhaupt eine der wichtigsten Erfahrungen der damaligen Zeit gewesen, wie viele Menschen plötzlich bereit waren sich einzubringen, etwas neu zu organisieren in der Stadt und ihre gesamte Freizeit dafür zu opfern.
Herr Schröter, Sie gehörten zuerst zum Demokratischen Aufbruch (DA). Wie sind Sie zur SPD gekommen?
Albrecht Schröter: Bei welcher neuen Gruppierung man landete, war in dieser Zeit auch von vielen Zufällen abhängig. Über Freunde bin ich zunächst zur DA-Gründung am 1. Oktober nach Berlin gekommen, und bereits am 19. Oktober haben wir in Jena, im Lutherhaus, mit 20 Teilnehmern die regionale Gruppe gegründet. Im Rahmen des Runden Tisches in Jena, der ab dem 1. Dezember tagte, lernten wir uns als neue Gruppierungen auch untereinander kennen. Im Wahlkampf vor der Volkskammerwahl fand sich dann der DA gemeinsam mit der DSU und der Blockpartei CDU in der "Allianz für Deutschland" wieder. Ich bin dann konsequenterweise am 20. März 1990 aus dem DA ausgetreten und zunächst als Parteiloser für die SPD in den Stadtrat gewählt worden. Andreas Braunsdorf, der Vorsitzender der SPD Jena war, wurde Fraktionschef, ich Stellvertreter. Im Oktober 1990 bin ich dann in die SPD eingetreten.
Die FDP hatte es damals witzigerweise der SPD zu verdanken, dass Peter Röhlinger Oberbürgermeister wurde. Wie kam es dazu?
Albrecht Schröter: Der Oberbürgermeister wurde 1990 noch durch den Stadtrat gewählt. Die CDU hatte nach der Kommunalwahl die meisten Sitze. SPD Grüne, Neues Forum und FDP wollten aber den CDU-Kandidaten verhindern. So kam man auf Peter Röhlinger.
Christoph Matschie: Röhlinger war damals in den Augen der meisten Stadträte der geeignete Kandidat, um die Stadt zu repräsentieren. Es war ja dann auch keine schlechte Wahl.
Noch einmal zurück in den Herbst 1989. Sie, Herr Matschie saßen für die SDP am Zentralen Runden Tisch in Berlin, Sie, Herr Schröter, in Jena. Was haben diese Runden Tische eigentlich bewirkt?
Christoph Matschie: Nach dem reinen Protest gegen die Machthaber da oben ging es nach der Maueröffnung darum, wie es nun weitergehen soll. Dem Protest musste die Übernahme von Verantwortung folgen, um bis zu den regulären Volkskammerwahlen das öffentliche Leben aufrecht zu erhalten. Der Zentrale Runde Tisch tagte erstmals am 7. Dezember. Ich nahm im Januar erstmals teil und habe dann die Verhandlungen zu ganz unterschiedlichen Themen mit geführt.
Albrecht Schröter: In Jena waren wir etwas schneller. Da tagte der Runde Tisch bereits am 1. Dezember. Damals drohte die Stadtverwaltung regelrecht zu implodieren. Der OB trat zurück, es gab keine richtige Führung mehr. Der Runde Tisch übernahm dann in dieser Übergangszeit viele Funktionen.
Zur Bilanz 25 Jahre SDP, später SPD, gehört aber auch das bisher schlechteste Wahlergebnis Ihrer Partei bei der jüngsten Landtagswahl. Wie erklären Sie das?
Christoph Matschie: Auf und ab hat die SPD immer erlebt. Zur damaligen Volkskammerwahl handelte man uns mit 40 Prozent, heraus kamen 20. Aber richtig ist natürlich, dass das Landtagswahlergebnis mit 12 Prozent dramatisch ist. Das darf nicht wieder passieren.
Meinen Sie, dass das in einer Koalition unter Führung der Linken besser wird?
Christoph Matschie: Ich verstehe die kritischen Debatten, die das 25 Jahre nach dem Mauerfall auslöst. Auf der anderen Seite sind die Koalitionsverhandlungen eben auch Ausdruck einer gewissen demokratischen Normalität nach einem Vierteljahrhundert. Natürlich hat Die Linke eine besondere Vergangenheit, aber auch die CDU und die FDP haben eine DDR-Geschichte. Wichtig ist, dass Parteien zu dieser Vergangenheit stehen und dass sie klar sagen, was sie heute für richtig halten. Die Frage, ob das moralisch oder nicht moralisch ist, die ist 25 Jahre nach dem Fall der Mauer fehl am Platz. Auch eine solche Regierung muss möglich sein. Für diese Pluralität habe ich damals gekämpft.
Albrecht Schröter: Eine solches neues Regierungsbündnis muss sich natürlich beweisen, und die SPD wird dort eine wichtige Rolle spielen, weil sie als einzige Regierungserfahrung hat. Ich bin davon überzeugt, dass die SPD die Kraft hat, dieses Tief zu überwinden. Dabei muss sie neben Inhalten aber auch wieder stärker auf Personen setzen.
Interview: Lutz Prager