Mehr Zeit für Petersen Debatte

Veröffentlicht am 17.02.2010 in Bildung & Kultur

Dr. Jörg Vogel, SPD Kreisvorsitzender und Vorsitzender des Kulturausschusses äußert sich in einer Stellungnahme zu diesem Thema.

Der Kulturausschuss befasste sich auf seiner Sitzung am 9. Februar 2010 ein weiteres Mal unter der Überschrift "Notwendiges Erinnern - Ehrendes Gedenken" mit der Person Peter Petersens und mit der Frage, ob der nach ihm benannte Platz wieder umbenannt werden sollte, sowie mit der weitergehenden Frage nach möglichen Regeln für solche Benennungen bzw. für auch für Aberkennungen. Dieser Beitrag ist der Versuch, eine Zwischenbilanz zu ziehen, die die Argumente der bisherigen Diskussion zusammenfasst.


Ich persönlich hätte an diesem Abend eine Entscheidung treffen können; so haben sich auch andere Mitglieder im Ausschuss geäußert. Es wurde deutlich, dass keineswegs einheitlich für oder gegen die Umbenennung des Petersenplatzes votiert worden wäre. Einigkeit bestand aber darin, dass ein solches Votum stets eine persönliche Entscheidung ist.



Einigkeit bestand auch darin, auf eine Abstimmung zu verzichten, weil die Debatte im Bezug auf ihre Konsequenzen, auch über die Person Peter Petersens hinaus, nicht als abgeschlossen gelten kann. So verständlich es dabei ist, dass das Thema Emotionen wachruft, so darf doch die davon beförderte Polarisierung nicht an die Stelle einer kritisch-aufklärenden Auseinandersetzung treten.



Die Stadt Jena sieht sich als wichtigste Wirkungsstätte Petersens und als Symbolort der Reformpädagogik und des Jenaplan-Konzepts zu Recht in einer besonderen Verantwortung dafür, dass die seit Sommer 2009 erneut begonnene fachliche und öffentliche Debatte über Petersen und sein Verhältnis zum Nationalsozialismus mit der gebotenen Sorgfalt umfassend, transparent und ergebnisoffen geführt wird. Dazu hat sie unter Einbindung auswärtiger und hiesiger Experten mit öffentlichen Veranstaltungen, einer ausführlichen Fachexpertise und mehreren Beratungen im Kulturausschuss wesentlich beigetragen. Sie folgt damit deutlich anderen Prinzipien als in früheren Debatten (etwa der Ibrahim-Debatte 1999/2000). Dies wird inzwischen auch über Jena hinaus besonders in der Fachwelt als stilbildend und beispielgebend bewertet.



Es ist deshalb besonders wichtig, die öffentliche Debatte auf sachlich begründeter Basis und den fachlich-wissenschaftlichen Erkenntnisprozess fortzusetzen. Ein Votum zum gegenwärtigen Zeitpunkt würde das erschweren oder unterbinden. Schon jetzt kann festgestellt werden, dass die bisherige Debatte und die davon angeregten Untersuchungen neue Erkenntnisse zu Tage gefördert und neue Fragen aufgeworfen haben. Auch in absehbarer Zeit sind weitere Fakten, Erkenntnisse und Argumente zu erwarten, die bei einer gut begründeten Entscheidung beachtet werden müssen. Die neue umfangreiche Studie Hein Retters - des führenden Vertreters der kritischen Petersen-Forschung in Deutschland - ist dafür ein eindrucksvolles Beispiel. Professor Retter wird hierzu am 23. Februar 2010 einen Vortrag in der Volkshochschule halten (Beginn: 19 Uhr "Bedrohte Kinder aus jüdischen und sozialdemokratischen Familien in der Universitätsschule Jena 1933-45").



Erst wenn der Anspruch der Stadt, die damit verbundenen Prinzipien und der derzeitige Erkenntnisstand in ausreichendem Maße öffentlich kommuniziert werden, ist die Voraussetzung dafür gegeben, dass eine gut begründete Namensentscheidung auch öffentlich nachvollziehbar wird. Es ist gerade in der derzeitigen Situation wichtig, für sorgfältig-kritische Aufklärung zu sorgen und die Linie einer sachlichen und genauen Meinungs- und Willensbildung nicht zu verlassen. Das spiegelt die sehr ernste Beratung im Ausschuss wider. Petersens Rolle im "Dritten Reich" wurde kritisch erörtert. Es wurde herausgestellt, dass Petersen durch Vorträge und Schriften wie auch durch Zusammenarbeit selbst aktiv im Sinne des Nationalsozialismus gehandelt habe. Andererseits wurde noch einmal an den überragenden Rang Petersens als Reformpädagoge und als Gründer der Jenaplan-Schule erinnert. Von großer Bedeutung sei sodann, dass die Universitätsschule, deren Leiter Petersen war, in der Zeit zwischen 1933 und 1945 auch Lehrer und Kinder aus jüdischen oder kommunistischen Familien aufgenommen und gegen nationalsozialistische Verfolgung beschützt habe.



In der Sitzung ist mehrfach und eindringlich darauf hingewiesen worden, dass der "Fall Petersen" kein Einzelfall sei, und es wurde die Notwendigkeit betont, klare - auch für andere Fälle des öffentlichen Erinnerns und Gedenkens anwendbare - Kriterien für den Umgang mit widersprüchlichen Persönlichkeiten von Rang zu entwickeln und die moralische Grenze im Verhalten Petersens in der NS-Zeit genau zu bestimmen, die den Namen "Petersenplatz" beizubehalten verbietet oder noch erlaubt. Die Stadt Jena hat deshalb die Chance, aber auch die Pflicht, bei der Entscheidungsfindung Maßstäbe zu entwickeln und öffentlich zu vermitteln, auf die sie sich auch künftig berufen kann. Bislang sind solche erinnerungskulturellen und ethischen Kriterien noch nicht entwickelt, diskutiert und kommuniziert worden. Es gibt allenfalls Hinweise und Vorschläge. Ein Votum sollte erst dann ins Auge gefasst werden, wenn über die Kriterien und die moralische Grenze gesprochen worden ist.


Das schließt die Notwendigkeit ein, sich Gedanken darüber zu machen, wie künftig öffentlich mit dem Symbolnamen "Petersen" umgegangen wird. Man kann Petersen nun nicht wieder - wie zu DDR-Zeiten, nur mit anderer Begründung - zur "Unperson" erklären. Es muss klar werden, welcher Platz Petersen künftig im öffentlichen Gedächtnis der Stadt zukommen soll - und zwar im Falle der Ablegung wie der Beibehaltung des Namens "Petersenplatz" oder der Gestaltung des Platzes zu einem "Platz des Erinnerns".



Dies alles muss geschehen innerhalb eines strukturierten Zeitrahmens, über den sich der Kulturausschuss noch verständigen muss.



Oberbürgermeister Dr. Albrecht Schröter machte den Vorschlag, die dem Ausschuss vorliegenden Expertenäußerungen und Diskussionspapiere zu Petersen ins Internet zu stellen und in geeigneter Form gedruckt zugänglich zu machen. . Er verwies insbesondere auf die "Argumentation zum Fall Petersen" der Professoren Peter Fauser und Jürgen John gemeinsam mit dem Stadthistoriker Dr. Rüdiger Stutz. Die Stadt müsse dazu beitragen, dass die umfangreichen Vorarbeiten und das Niveau der Debatte auch den Ton der öffentlichen Auseinandersetzung prägen.



Die Chance, aus dem Nachlass Peter Petersens weitere neue Dokumente einsehen zu können, schätzt der Oberbürgermeister nach Gesprächen mit Verwandten Peter Petersens als hoffnungsvoll ein.



Zudem soll im Herbst dieses Jahres eine gemeinsame Konferenz der Universität und der Stadt Jena zum Thema Peter Petersen durchgeführt werden, Dabei sollten die verschiedenen Aspekte der Petersen-Debatte unter Beteiligung der Öffentlichkeit umfassend aufgenommen und kontrovers erörtert werden. Eine solche Konferenz, die mit einem erheblichen überregionalen Interesse rechnen kann, dürfte zu einer Bündelung der Erkenntnisse und Argumente wesentlich beitragen und die Entscheidungsgrundlage für die Stadt absichern.



In diesem Kontext habe ich als Ausschussvorsitzender deutlich gemacht, dass wir in Jena der Ehrung der Opfer der NS-Zeit nicht wirklich gerecht werden. Es ist deshalb eine weitere Aufgabe, ein "Konzept zur Planung, Errichtung und Gestaltung städtischer Erinnerungsstätten zur nationalsozialistischen Gewaltherrschaft" zu entwickeln - beispielsweise in der Art, wie es in Braunschweig geschieht.


Eine Entscheidung zum Petersenplatz soll nach Auffassung von OB Dr. Schröter bis Ende November getroffen werden.

Dr. Jörg Vogel

 
 

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