OTZ: Herr Dr. Schröter, Ihr Strahlen im Gesicht ist so etwas wie Ihr Markenzeichen. Wieviel Spaß macht das Regieren noch?
Genausoviel wie am ersten Tag. Es ist ein Job, der den ganzen Menschen fordert, auch physisch. Sicher muss ich nach diesem ersten Jahr neu überdenken, welche Dinge ich mir persönlich auf den Tisch ziehe und welche ich künftig delegiere. Aber insgesamt: Es macht Spaß.
OTZ: Von Friede, Freude, Eierkuchen konnte aber im Stadtrat keine Rede sein. Erinnert sei nur an die Dezernentenwahl, in der Ihr Wunschkandidat Marco Schrul scheiterte, an die nie richtig funktionierende Koalition aus CDU, SPD und Grünen oder an den Haushalt 2007. Welche Chancen sehen Sie, dass sich das Verhältnis zwischen OB und Stadtrat vor der Neuwahl 2009 noch verbessert?
Sie haben Recht, es gab schwierige Zeiten. Das hing vielleicht mit dem Umbruch zusammen. Nicht jeder war mit dem Wahlausgang einverstanden oder hat mich gewählt. In solchen Zeiten werden Machtverhältnisse neu abgesteckt, auch das ist klar. Geschmerzt haben mich Fraktionswechsel, die letztlich zu neuen Mehrheiten führten. Damit muss man leben. Für Jenaer Verhältnisse angemessen empfinde ich jetzt das Abstimmen mit wechselnden Mehrheiten. Es müssen nicht unbedingt feste Koalitionen existieren, aber es ist gut, wenn es Koalitionen zu inhaltlichen Fragen gibt. Das Verhältnis zum Stadtrat hat sich nach meiner Einschätzung in den letzten Monaten deutlich entspannt. Ich beobachte eine freundliche, offene Haltung auch bei jenen Stadträten, die mich in den ersten Monaten eher kritisch begleitet haben. Ich bin optimistisch, dass wir in den nächsten Jahren noch viel enger zusammenarbeiten werden. Ich habe mir ehrgeizige Ziele gesetzt bei der Wirtschaftsförderung, der Familienfreundlichkeit und der Verwaltungsmodernisierung. Dazu brauche ich den Stadtrat.
OTZ: Die neue Baudezernentin Katrin Schwarz war nicht Ihre Wunschkandidatin. Sie haben sich lange dagegen gesträubt. Wie gut können Sie mit dieser Wahlentscheidung heute leben?
Ich hatte mir Marco Schrul gewünscht, weil ich ihn und seine politischen Positionen aus dem Stadtrat kenne und mit ihm Stadtentwicklungspolitik machen wollte. Deswegen war es für mich nicht leicht, von diesem Wunsch Abschied zu nehmen. Das richtete sich nicht gegen Frau Schwarz, die ich bis dahin ja gar nicht kannte. Die ersten Monate in der Zusammenarbeit mit Frau Schwarz sind äußerst erfreulich. Sie ist sehr fleißig, sehr kollegial und sehr angenehm. Ihre Wahl ist überhaupt kein Nachteil für Jena. Im Gegenteil, ich bin sehr angetan von der Zusammenarbeit des Teams OB und Dezernenten - sowohl den hauptamtlichen als auch ehrenamtlichen.
OTZ: Was war der schönste Moment Ihrer bisherigen Amtszeit?
Das war in Braunschweig, als der Präsident des Stifterverbandes, Arend Oetker, das Votum der Jury zum Titel "Stadt der Wissenschaft 2008" mit den Worten präsentierte: Die Stadt des Dreigestirns Abbe, Zeiss und Schott hat gewonnen! Dieses berühmte Foto von DPA, auf dem ich in die Luft springe, hat das ja auch auf den Punkt gebracht.
OTZ: Im Gegensatz zur "Innenpolitik" wird Ihre "Außenpolitik" selbst von den größten Widersachern im Stadtrat gelobt. Was waren für Sie die wichtigsten Erfolge?
Neben der Stadt der Wissenschaft der Thüringentag. Dieses Fest hat gezeigt, wo Jena in Thüringen steht. Ich glaube, dass auch die Landesregierung mit Respekt wahrgenommen hat, dass mit dem neuen OB eine konstruktive Zusammenarbeit möglich ist und dass man Jena nicht gering schätzen sollte. "Außenpolitik" waren auch die Veranstaltungen zu 1806. Der französische Botschafter hat mir hinterher geschrieben, dass wir das eigentlich schlimme Ereignis von vor 200 Jahren so gestaltet haben, dass es unsere beiden Völker weiter zusammen führt. Der Ruf der Stadt Jena ist in diesem einen Jahr auf jeden Fall nicht schlechter geworden. Wir sind auf der Überholspur geblieben, um in einem Bild meines geschätzten Vorgängers zu bleiben.
OTZ: Kommunalpolitisch deutet sich neuer Ärger an. Ihr Finanzdezernent und Parteifreund Frank Jauch möchte im Gegensatz zu Ihnen den Vertrag mit dem Land zur Finanzierung der Philharmonie ab 2009 nicht abschließen. Gibt es einen neuen Gegenpart im Rathaus?
Nein, das ist völlig auszuschließen. Es ist doch ganz normal, dass ein Finanzdezernent aus seiner Verantwortung für die städtischen Gelder immer ein maximales Ergebnis herausholen will und muss. Wir sind uns beide völlig einig, dass ich nachverhandeln werde, da das Land anderswo Zugeständnisse gemacht hat. Auch mit dem Landkreis werde ich über eine finanzielle Beteiligung sprechen, da rund 20 Prozent der Philharmonie-Besucher aus dem Umland kommen. Gleichwohl müssen wir im Interesse der Philharmonie bis zur Sommerpause den Vertrag ratifizieren, damit die Planungen für die nächsten Spielzeiten vorangetrieben werden können und die Musiker eine Sicherheit haben, dass es auch nach 2009 weiter geht.
Interview: Lutz Prager
Quelle: OTZ Jena