Manfred Stolpe, Ludwig Große und Christoph Majewski über Kirche, Opposition und Menschen in der friedlichen Revolution 1989
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Für den 4. Saalfelder Dialog am Dienstag im Evangelischen Gemeindehaus in Saalfeld hatte Christoph Majewski, SPD- Landtagskandidat und Initiator der Veranstaltungsreihe, mit Manfred Stolpe und Ludwig Große zwei Gäste eingeladen, die als Mitglieder der Evangelischen Kirchenleitung in der DDR die friedliche Revolution von 1989 an herausragender Stelle miterlebt und begleitet hatten.
Der frühere Ministerpräsident und Bundesminister Stolpe und Oberkirchenrat Große waren am 9. November in (Ost- )Berlin. Stolpe erzählte von einer schlaflosen Nacht voller Sorge, dass nur ein einziger Gewaltakt die Lage eskalieren lassen konnte. Für Große hat sich besonders der Blick in die „ratlosen und verunsicherten Gesichter der Grenzsoldaten“ eingeprägt. „Den Atem einer anderen Epoche“ spürte Große schon 1987, als im Zuge eines internationalen Friedensmarsches, Menschen ungestraft Parolen für Abrüstung, Meinungsfreiheit und freie Wahlen ausriefen.
Beide Gäste unterstrichen die Bedeutung der Kirche für die Oppositionsbewegung. So hätten Kirchenvertreter schon früher viele Forderungen erhoben, die 1989 die breite Bevölkerung zu den Montagsdemonstrationen auf die Straße brachte. Die Kirche war Freiraum und Anlaufpunkt für Alternativdenkende und konnte dadurch mit ihrem Eintreten für einen friedlichen Widerstand zum gewaltlosen Verhalten von Demonstranten und Staatsmacht beitragen.
Gefragt nach dem Begriff „Kirche im Sozialismus“ stellten die Gesprächspartner klar, dass der Begriff keine Einlassung mit dem Regime darstelle, sondern die Aufgabe beschreibt, unter den „Umständen und dem Machtgefüge des Sozialismus trotzdem Kirche zu sein und sich als Christen für die Belange der Menschen einzusetzen.“ Zum Einsatz für die Menschen gehörten auch Gespräche mit SED und Staatssicherheit. Dazu Stolpe: „Um politisch Verfolgte aus der Haft zu holen, muss man notgedrungen auch mit den Leuten reden, die die Gefängnisschlüssel haben.“
Stolpe und Große wünschen sich eine differenziertere Bewertung der Zeit vor 1989. „Man muss genau hinsehen, wo Menschen Unrecht begangen haben, statt Pauschalurteile zu verbreiten“, sagte Stolpe. Mit Blick auf seinen Besuch im Grenzturmmuseum in Probstzella unterstrich er, immer wieder an dieses Unrecht zu erinnern. „Trotzdem kommt es stets auf den einzelnen Menschen an und nicht auf Strukturen und Verhältnisse, denn viele haben nicht aus Sympathie für das Regime auf Widerstand verzichtet, sondern aus Verantwortung für ihre Familien, Nachbarn oder Mitarbeiter“, fügte Große hinzu. Gleichzeitig müsse man weiterhin den Opfern der Diktatur zu Gerechtigkeit verhelfen. Stolpe sieht in den falschen Pauschalurteilen auch die Gefahr, dass man gerade damit ein ebenso unangebrachtes Schönreden der DDR provoziere.
Für eine Weiterführung der Einigung schrieb Manfred Stolpe dem SPD- Kandidaten Majewski ins Stammbuch, die Entwicklung in Thüringen weiter voranzutreiben. Dabei sieht er die Schaffung von Arbeitsplätzen und die Förderung von Ausbildung als wichtigste Punkte, um den Menschen eine Perspektive im Land selbst zu bieten. In einem leidenschaftlichen Schlusswort forderte Ludwig Große die Menschen auf, sich einzumischen, und selbst „nach dem Besten für die Stadt und das Land zu suchen, auch wenn es nicht immer das ist, was die Stadt oder das Land für das Beste halten. Ohne die breite Einmischung der DDR- Bevölkerung hätte auch die Kirche damals nicht so oppositionell agieren können.“